Gefühlsstörungen in den Fingern

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 25. Juli 2017
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Gefühlsstörungen in den Fingern äußern sich häufig durch ein unangenehmes Kribbeln oder Taubheitsgefühle. Obwohl die potenziellen Ursachen sehr unterschiedlich sind, muss immer an die Möglichkeit einer Nervenschädigung gedacht werden. In Betracht zu ziehen sind aber auch psychische Ursachen. Mit der Suche nach ärztlichem Rat sollte folglich nicht lang gezögert werden.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Gefühlsstörungen in den Fingern?

Gefühlsstörungen in den Fingern machen sich in der Regel durch ein Kribbeln oder Taubheitsgefühle bemerkbar, die auf keine externe Ursache zurückzuführen sind. Beim Kribbeln handelt es sich um eine unangenehme Empfindung an der Körperoberfläche, namentlich der Haut. In akuten Fällen kann das Kribbeln auch als schmerzhaft empfunden werden. Gefühlsstörungen in den Fingern gehen fast immer mit einer Parästhesie einher.

Mit diesem medizinischen Begriff wird der Umstand beschrieben, dass Reizungen wahrgenommen werden (z. B. Kribbeln, Wärme oder Kälte), die auf keinen adäquaten externen Verursacher zurückgeführt werden können. Taubheitsgefühle in den Fingern können auf die Fingerkuppen beschränkt bleiben oder den ganzen Finger betreffen. Das Taubheitsgefühl ist vergleichbar mit dem Gefühl eingeschlafener Finger.

Ursachen

Gefühlsstörungen jedweder Art können sowohl physische als auch psychische Ursachen haben. Zu den häufigsten physischen (d. h. rein körperlich bedingten) Gründen zählen Störungen in den Blutgefäßen, eingeengte Nervenbahnen sowie Rückenprobleme. Zahlreiche Gefühlsstörungen sind aber auch auf Fehlfunktionen des peripheren Nervensystems zurückzuführen. Dieses setzt sich aus Empfindungsnerven zusammen, die erkranken können. Eine der häufigsten Erkrankungen dieser Nervenzellen stellen Polyneuropathien dar. Eine Polyneuropathie ist eine Schädigung zahlreicher Nerven.

Als weitere physische Ursachen kommen auch Stoffwechselprobleme und ein unausgewogener Hormonhaushalt in Betracht. Denn beide Faktoren beeinflussen die Vitalität des Nervensystems sowie die Gefäße, die beide für Gefühlsstörungen verantwortlich gemacht werden. Aber auch eine unbehandelte Diabeteserkrankung (Typ I oder Typ II) hat langfristig Auswirkungen auf das Nervensystem. Potenzielle Ursache von Missempfindungen in den Fingern können auch Engpässe der Nervenkanäle sein. Diese entstehen, wenn sich das Gewebe, das sich um die Nerven herum befindet, verändert. Deshalb sind Knochenfehlstellungen oder Sehnen sowie weitere Weichteile zu untersuchen.

Neben peripheren Nervenschädigungen müssen auch Störungen des Zentralnervensystems (ZNS) als möglicher Auslöser berücksichtigt werden. In diesen Fällen lösen Probleme des Gehirns oder des Rückenmarks die Missempfindungen aus, weil sie Fehlinformationen weiterleiten. Schädigungen der Nerven sind allerdings nicht zwingend. Auch Überbelastungen der Hände (z. B. durch Sport) können zu einem vorübergehenden Gefühlsverlust führen. So kann eine Fehlhaltung beim Radfahren zur Entwicklung eines Ulnartunnelsyndroms (Radfahrerlähmung) führen. Diese Fehlhaltung verursacht eine Einklemmung der Nerven im Bereich der Finger oder der Hand.

Aber auch ein Schleudertrauma an der Halswirbelsäule, das sich durch Zerrungen oder Stauchungen äußert, kann zu einem Gefühlsverlust in den Fingern führen. Das ist häufig nach einem Autounfall der Fall. Bergsteiger, die aufgrund eines zu raschen Aufstiegs an der Höhenkrankheit leiden, berichten ebenfalls über einem Gefühlsverlust in den Fingern. Weitere physische Ursachen von Gefühlsstörungen in den Fingern sind ein Vitamin-B12-Mangel, Hormonstörungen und ein Raynaud-Syndrom. Die Anzahl der psychischen Ursachen ist groß. So können u. a. andauernde Panik- und Angstattacken, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen somatoforme Störungen verursachen, die zu Gefühlsstörungen in den Fingern führen. Als somatoforme Störungen werden solche bezeichnet, die ausschließlich psychische Ursachen haben, also losgelöst von körperlichen Schäden auftreten. Darüber hinaus können Gefühlsstörungen in den Fingern auch durch langjährigen Substanz- oder Suchtmittelmissbrauch (z. B. Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Medikamentenmissbrauch) hervorgerufen werden.

Krankheiten

Wann zum Arzt?

Gefühlsstörungen in den Fingern treten häufig bei einer starken Kälteeinwirkung auf. Dies ist ein normaler Vorgang und kann durch gezielte Bewegungen der Finger selbstständig ohne weitere medizinische Betreuung reguliert werden. Dies gilt auch, wenn die Finger nach langem Schreiben auf einer Tastatur einer Gefühlsstörung ausgesetzt sind.

Der Besuch bei einem Arzt wird notwendig, sobald sich die Störungen über eine längere Zeit von mehreren Tagen einstellen. Halten die Gefühlsstörungen trotz intensiver Bewegung der einzelnen Finger an, ist ebenfalls eine Konsultation bei einem Arzt zu empfehlen.

Führen die Gefühlsstörungen in den Fingern zu einer Beeinträchtigung des allgemeinen Lebens, wenn beispielsweise Gegenstände nicht mehr festgehalten werden können, ist ein Arzt aufzusuchen. Menschen, die grundsätzlich einen niedrigen Blutdruck haben, leiden häufiger unter kalten Fingern und einer Gefühlsstörung in den Fingern. Sobald dies als störend empfunden wird, kann durch sportliche Aktivitäten oder durch den Konsum von Koffein der Blutdruck ohne weitere medizinische Betreuung erhöht werden.

Treten weitere Beschwerden wie chronische Müdigkeit oder Abgeschlagenheit ein, ist ein Arzt aufzusuchen, um den Blutdruck über eine medizinische Maßnahme zu erhöhen. Breiten sich die Gefühlsstörungen weiter in den Unter- oder Oberarmen aus, ist ein Arzt aufzusuchen.

Diagnose und Verlauf

Die erste Anlaufstelle für Gefühlsstörungen ist in der Regel der Hausarzt. Der Allgemeinmediziner wird versuchen, die Symptome genauer einzugrenzen. Hierfür kommen verschiedene Testverfahren zum Einsatz. Diese haben das Ziel, die Kälte- und Wärmereize zu überprüfen. Auch kann untersucht werden, ob Schmerzreize adäquat wahrgenommen werden. Oft kommt es bei der Durchführung der Tests zur Applikation von Druck. Auch vibrierende Gerätschaften können verwendet werden.

Je nach Sachlage kann auch eine Untersuchung auf Diabetes angezeigt sein. Wenn der Hausarzt keine Ursache ausfindig machen kann, wird er an einen Spezialisten verweisen. Zu den Fachärzten, die sich mit Gefühlsstörungen auseinandersetzen, zählen neben Neurologen und Orthopäden auch Hautärzte. Diese werden in der Regel neben körperlichen Untersuchungen auch Bluttestes durchführen, um die genauen Ursachen einzugrenzen. Erst nachdem physische Ursachen ausgeschlossen wurden erfolgt eine Überweisung an einen Psychologen oder Psychotherapeuten.

Komplikationen

Treten Gefühlsstörungen in den Fingern regelmäßig auf, ist das nicht harmlos. Es sind Warnsignale des Körpers, die auf gesundheitliche Komplikationen hinweisen. Viele Betroffene nehmen die Beschwerden zunächst nicht ernst. Sie hoffen darauf, dass sie sich bald bessern und komplett verschwinden. Damit erreichen sie das Gegenteil und fördern eine zunehmend unerwünschte Entwicklung. Die Folge ist anhaltend geschädigtes Gewebe. Eine ärztliche Therapie zur rechten Zeit bringt zügig Hilfe und vermeidet Spätschäden und Operationen.

Handelt es sich um Patienten mit Diabetes oder Durchblutungsstörungen, signalisieren die Probleme in den Fingern fallweise unerwartete Erkrankungen der Nerven, der Gefäße oder der Muskeln. Entzündungen an diesen Geweben komplizieren das Geschehen zusätzlich. Ein anderer erschwerter Verlauf tritt speziell bei Frauen auf. Hier deuten die Störungen oftmals auf stärkere Änderungen im Hormonhaushalt hin. Von ebenfalls möglichen Fehlfunktionen der Schilddrüse sind beide Geschlechter betroffen. Bei Veganern sprechen taube Finger für einen Mangel an Vitamin B12. Das Defizit führt langfristig zu dauerhaften Schäden des gesamten Nervensystems. Der baldige Besuch beim Arzt schützt die Betroffenen vor schwereren Schäden.

Behandlung und Therapie

Eine Therapie wird zwingend, wenn die oben beschriebenen Symptome nicht von allein abklingen, was in einigen Fällen durchaus vorkommt. Da insbesondere bei einem vollständigen Gefühlsverlust die Wahrscheinlichkeit einer Nervverletzung oder –schädigung besonders hoch ist, setzen die meisten Behandlungen hier an. Neurologen versuchen, eingeklemmte Nerven zu befreien. So kann eine Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit gelingen. Voraussetzung hierfür ist indes, dass der Nerv nicht bereits abgestorben ist. Denn tote Nerven können mit keiner Behandlungsmethode wiederhergestellt werden.

Das gilt auch für abgerissene Nerven, da diese nicht wiederzusammenwachsen. Je nach Einzelfall können auch gymnastische oder physiotherapeutische Übungen verschrieben werden. Diese dienen dazu, die Bewegungsfähigkeit zu erhalten. In einigen Teilen der Schulmedizin wird auch auf die Möglichkeit einer Akupunktur verwiesen. Diese bedarf allerdings mehrere Sitzungen und wird von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Wenn die Ursache der Missempfindungen rein psychisch ist, die Gefühlsstörungen sich also als psychosomatisch erweisen, kommt nur eine Psychotherapie in Betracht. Erfolgt eine Behandlung bei einem Psychiater, können auch Medikamente (insbesondere selektive Serotoninabbauhemmer) zum Einsatz kommen.



Aussicht und Prognose

Welche Prognose bei Gefühlsstörungen in den Fingern zu erwarten ist, hängt eng damit zusammen, welche Ursachen für das Kribbeln oder Taubheitsgefühl im Bereich der Finger verantwortlich sind. Sehr gut ist die Prognose, wenn Gefühlsstörungen durch einen Elektrolyt- oder Vitaminmangel (zum Beispiel Vitamin B12) ausgelöst sind, da dies in der Regel gut zu beheben ist. Manchmal werden die Empfindungsstörungen auch durch die sogenannte Hyperventilation bei gesteigerter psychischer Erregung in Verbindung mit schneller Atmung und damit Sauerstoffzufuhr ausgelöst. Auch hier bilden sich die Gefühlsstörungen in den Fingern mit der Beruhigung des Betroffenen rasch und vollständig zurück.

Wenn die Ursache für Taubheitsgefühle oder andere Missempfindungen in den Fingern in einem Problem im Bereich der Wirbelsäule liegt, kann die Prognose ebenfalls günstig sein. Hier hängen die Erfolgsaussichten davon ab, inwieweit eine orthopädische oder gegebenenfalls chirurgische Therapie greift. Das Gleiche gilt für eine Gefühlsstörung, die durch eine Nervenverletzung ausgelöst wurde. Auch ist es wichtig, inwieweit der Patient durch sein Verhalten (richtiges Kopfkissen, Vermeiden einseitiger Belastungen etc.) zu einer Linderung der Beschwerden beiträgt.

Gefühlsstörungen in den Fingern können auch durch Multiple Sklerose verursacht sein. Auch hier muss die Prognose dieses Symptoms nicht schlecht sein. Denn vielfach bilden sich Symptome, die durch einen aktuellen Schub verursacht wurden, ganz oder zumindest teilweise auch wieder zurück.

Vorbeugung

Missempfindungen lassen sich durch einen gesunden Lebensstil vorbeugen. Ein solcher zeichnet sich durch ausgewogene Ernährung und Sport aus. Beim Sport ist auf ausreichende Pausen zu achten, um Überbelastungen zu vermeiden. Außerdem ist auch ein Verzicht auf schädigende Substanzen wie Nikotin hilfreich, um Gefühlsstörungen nicht entstehen zu lassen. Da auch Durchblutungsstörungen eine Ursache sein können, ist auch eine gute Durchblutung förderlich. Diabetiker sollten außerdem ihre Blutzuckerwerte überwachen, um Schädigungen der Gefäße und Nerven zu vermeiden.

Bücher über Gefühlsstörungen

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Siegenthaler, W. (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose Innere Krankheiten – vom Symptom zur Diagnose. Thieme, Stuttgart 2005
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Bewermeyer, H.: Neurologische Differenzialdiagnostik, Schattauer Verlag, 2011

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