Allästhesie

Medizinische Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für Innere Medizin) am 19. März 2017
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Bei einer Allästhesie handelt es sich um eine pathologische Wahrnehmungsveränderung, die sich auf die sensorischen Reize bezieht. Dazu zählen zum Beispiel Berührung oder Temperatur. Typisch für die Erkrankung ist, dass der Reiz nicht an der Einwirkungsstelle wahrgenommen wird, sondern an einem anderen Ort. Die Ursache einer Allästhesie liegt in vielen Fällen in einer Läsion der Parietallappen, die beispielsweise nach einem Hirninfarkt auftritt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Allästhesie?

Der Begriff Allästhesie stammt aus dem Griechischen. Die Erkrankung wird in manchen Fällen auch als Alloästhesie oder Allochirie bezeichnet. Laut Definition handelt es sich um eine qualitative Änderung der Wahrnehmung von sensorischen Reizen wie Schmerz, Temperatur, Berührung, optischen oder akustischen Reizen. Dabei tritt der Reiz von der tatsächlichen Stelle der Einwirkung entfernt auf, er wird also falsch lokalisiert. Grundsätzlich handelt es sich bei der Allästhesie um ein Symptom mit Krankheitswert.

Ähnliche Störungen der Empfindung stellen zum Beispiel die Hyperästhesie dar, bei der eine generelle Überempfindlichkeit gegenüber Berührungsreizen auftritt sowie die Hypästhesie, bei der die Druck- und Berührungssensibilität allgemein vermindert sind. Ebenfalls verwandt ist die Allästhesie mit der Dysästhesie, die eine unspezifische Störung der Empfindung darstellt sowie mit der Parästhesie, bei der es unter anderem zu einem kribbelnden Gefühl kommt. Keinesfalls ist die Allästhesie mit der sogenannten Alliästhesie zu verwechseln, bei der es sich um ein physiologisches Phänomen handelt.

Grundsätzlich ist die Allästhesie eine neurologische Veränderung der Wahrnehmung und auf Gehirnläsionen zurückzuführen. Die Krankheit zählt zu den Asomatognosien, die pathologische Wahrnehmungsänderungen des Körpers beschreiben. Die Allästhesie umfasst diverse Unterformen, zum Beispiel die akustischen oder die visuellen Formen. In vielen Fällen gehen Allästhesien mit diversen anderen Phänomenen einher, die ebenfalls zur Kategorie der Asomatognosie zählen. Dazu gehören zum Beispiel die Anosodiaphorie sowie die Anosognosie.

Ursachen

Eine Allästhesie entsteht infolge einer Läsion des Großhirns. Die Schädigung befindet sich dabei in den meisten Fällen in der Großhirnrinde. Die Läsion kann am Sulcus interparietalis, am inferioren Parietallappen, dem Gyrus angularis oder dem Gyrus supramarginalis auftreten. Denn diese Areale des Hirns sind für die Steuerung der Körpergefühlsphäre zuständig und verbinden Wahrnehmungen mit den entsprechenden Körperstellen. Hier sind zudem diverse Brodmann-Areale gelegen, die im Hinblick auf die Wahrnehmung des Körpers in Bezug zu anderen Objekten und Räumen eine wichtige Rolle spielen.

Aus diesem Grund sind sie auch für die Bewegungsplanung relevant. Die jeweiligen Gehirnregionen ermitteln den Standpunkt von Objekten im Raum und analysieren Objekte auf der Haut. Dabei bestehen Vernetzungen zum Frontalhirn, wodurch die motorischen Pläne umgesetzt werden. In zahlreichen Fällen ergibt sich eine entsprechende Läsion durch einen Schlaganfall oder Hirninfarkt in den jeweiligen Arealen des Gehirns. Seltener findet die pathologische Veränderung der Wahrnehmung durch entzündliche Reaktionen statt. Diese werden beispielsweise bei Multipler Sklerose im Zentralnervensystem ausgelöst. Insbesondere bei visuellen Allästhesien ist es möglich, dass sie durch Läsionen am Okzipitallappen, Migräne oder Epilepsie hervorgerufen werden. Hingegen sind Tumoren nur sehr selten für die Entstehung von Allästhesien verantwortlich.

Krankheiten

Wann zum Arzt?

Bei einer Allästhesie ist es ratsam, so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen. Dem Betroffenen ist es nicht möglich, das vorliegende Schmerzempfinden der richtigen Ursache zuzuordnen. Dies gehört zum Krankheitsbild der Allästhesie und kann nur von einem Mediziner richtig eingeordnet und diagnostiziert werden. Dafür sind bestimmte Untersuchungen notwendig, die nur von Medizinern durchgeführt werden können.

Für den Betroffenen besteht das Risiko, dass er das Schmerzempfinden übergeht oder einem falschen Auslöser zuschreibt. Diese Irritation führt zu einer Fehleinschätzung des aktuellen Gesundheitszustandes. Unter gewissen Umständen verursacht das Verkennen der Situation schwerwiegende und dauerhafte gesundheitliche Folgen.

Aus diesen Gründen ist bei einer Allästhesie dringend zu empfehlen, einem Arzt die Symptomatik unverzüglich vorzustellen. Abwarten oder zögern kann neben weiteren körperlichen Beschwerden auch zu psychischen Belastungen führen. Der Betroffene bekommt zunehmend das Gefühl, dass er Halluzinationen hat und beginnt an Angst- oder Warnzuständen zu leiden.

Dies kann Stimmungsschwankungen und eine unkontrollierte Gereiztheit auslösen. Die Allästhesie tritt häufig nach einem Schlaganfall oder einer vorliegenden Schädigung des Gehirns ein. Sie wird von vielen Patienten daher fälschlicherweise als Nebenwirkung der Grunderkrankung eingestuft. Da sie zu einer dauerhaften Schädigung des Gehirns oder einzelner Organe führen kann, müssen die Beschwerden einem Arzt berichtet werden.

Diagnose und Verlauf

Zur Diagnose einer Allästhesie stehen diverse untersuchungstechnische Methoden zur Verfügung, über deren Einsatz der Arzt in Abhängigkeit des Einzelfalls entscheidet. Je nach Unterform variieren die Symptome der Allästhesie. Bei taktilen Allästhesien verlagert sich die bewusste Berührungswahrnehmung oder die Empfindung von Schmerz oder Temperatur an eine andere Stelle des Körpers. Im Rahmen einer akustischen Allästhesie bezieht sich die Störung auf das Richtungshören.

Eine visuelle Allästhesie löst visuelle Täuschungen aus, wobei Objekte innerhalb des Gesichtsfelds verlagert werden. Tritt die Allästhesie infolge einer Beeinträchtigung des Parietallappens auf, leiden die betroffenen Patienten in der Regel unter neurologischen Begleitsymptomen. Dazu zählen beispielsweise Desorientierung und Schwindel. Insbesondere bei der visuellen Allästhesie ergeben sich die Schwindelerscheinungen durch die Verschiebungen im Gesichtsfeld.

Bedingt durch die zugrunde liegenden Ursachen treten mitunter auch Kopfschmerzen auf. Bei einer taktilen Allästhesie liegt die Ursache oftmals in einer Schädigung der rechten Großhirnrinde, zum Beispiel an der inferioren Parietalregion oder dem Sulcus interparietalis. Besteht ein Verdacht auf Vorliegen einer Allästhesie, führt der Arzt mit dem betroffenen Patienten eine gründliche Anamnese durch. Im Anschluss kommen diverse Empfindungstests zum Einsatz. Im Rahmen einer Diagnosestellung ist es von besonderer Relevanz, die zugrunde liegenden Läsionen im Hirn zu ermitteln.

Sind derartige körperliche Ursachen jedoch nicht zu finden, handelt es sich vermutlich um eine psychisch bedingte Störung der Wahrnehmung. Durch die Psyche verursachte Fehlwahrnehmungen sind in Bezug auf die Differentialdiagnostik auszuschließen. Gehirnläsionen können mit Hilfe von bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden, beispielsweise im Rahmen einer MRT-Untersuchung oder durch Verabreichung von Kontrastmitteln. Der Krankheitsverlauf und die Prognose sind bei einer Allästhesie stark von der Ursache abhängig. Treten Allästhesien infolge von Schlaganfällen auf, sind sie insbesondere bei jungen Patienten in den meisten Fällen weitgehend heilbar.

Komplikationen

Bei einer Allästhesie treten verschiedene Komplikationen auf. Diese entstehen bereits durch die Anzeichen und Symptome der Erkrankung. Da eine andere Region des Körpers ein Schmerzempfinden erlebt als der Ursprungsort, kommt es zu Irritationen oder Fehleinschätzungen. Die Schmerzbeschreibung bezieht sich auf ein anderes Körperteil als das Betroffene. Das erschwert anfänglich die Diagnose und die Durchführung vorbeugender Maßnahmen. Die Reize beziehen sich nicht nur auf das Schmerzbefinden. Alle anderen sind ebenso betroffenen. Da die Besonderheit der Lokalisation der Reize eine große Herausforderung für den Betroffenen darstellt, kann es dazu führen, dass er anfänglich den Weg zum Arzt meidet oder seinem Umfeld nichts über die Beschwerden mitteilt.

Die Angst, nicht ernst genommen zu werden, lässt daher den Erkrankten oftmals zurückschrecken. Die Allästhesie kann zudem als Folgeerkrankung eines Schlaganfalls oder Hirninfarkts auftreten. Aus diesem Grund neigen viele Menschen dazu, die Symptome als Nebenwirkung anzusehen und den Weg zum Arzt zu vermeiden. Damit bleibt die Allästhesie lange unbemerkt. Zu den weiteren Komplikationen können psychische Problematiken auftreten. Diese sind meist gekennzeichnet von Angstzuständen oder Panikattacken. Wenn der Betroffene mit einer Nadel in den linken Finger pickt und er rechts den Schmerz lokalisiert, können labile Menschen dazu neigen, den Vorgang nicht zu verstehen und Wahnvorstellungen zu erleiden.

Behandlung und Therapie

Bei der Behandlung einer Allästhesie steht vor allem die Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung im Vordergrund. Sind Tumoren die Ursache, werden sie entfernt. Bei Allästhesien durch Multiple Sklerose oder Epilepsie existieren keine ursächlichen Behandlungsmöglichkeiten. Hier lassen sich die Beschwerden durch Neuroleptika oder Immunsuppressiva jedoch meist gut unter Kontrolle halten.

Darüber hinaus kommen zur Behandlung von Allästhesien auch Physiotherapien zum Einsatz. Diese verfolgen das Ziel, die Empfindungen zu korrigieren. Dabei werden noch vollständig funktionsfähige Gehirnareale oder Sinnessysteme geschult, damit sie die Aufgaben der beeinträchtigen Gehirnbereiche übernehmen. Somit lassen sich in vielen Fällen erhebliche Verbesserungen der Wahrnehmung erzielen, womit die Lebensqualität der Personen steigt.



Aussicht und Prognose

Die Prognose einer Allästhesie ist in Abhängigkeit von dem Schweregrad der vorhandenen Läsionen zu betrachten. Je schneller die primäre Ursache gefunden werden kann und die Diagnose gestellt wird, desto eher können die Therapiemaßnahmen beginnen. Eine Spontanheilung ist bei der Allästhesie nicht zu erwarten. Die Hirnläsionen sind nach dem derzeitigen medizinischen Stand als irreparabel einzustufen. Das bedeutet, dass auch mit langfristigen Beeinträchtigungen zu rechnen ist.

Die Mediziner konzentrieren sich in erster Linie bei einer Allästhesie auf die ursächliche Erkrankung. Beispielsweise wird ein Tumor bestmöglich entfernt. Anschließend muss geprüft werden, ob die Allästhesie stärker geworden ist. Die Gabe von Medikamenten kann hilfreich und unterstützend sein. Eine Heilung der Allästhesie bewirken sie jedoch nicht. Begleitend werden bei der Allästhesie Physiotherapien eingesetzt. Diese sollen das Empfinden der Reize verändern und korrigieren. Das Gehirn wird in den Regionen durch gezielte Übungen stimuliert und trainiert, die nicht betroffen sind. Das hat Veränderungen in dem plastischen Gehirn zur Folge, die als sehr erfolgreich eingestuft werden. Die Beschwerden können durch die Therapien in vielen Fällen gelindert werden. Die Erfolge sind stark abhängig von dem Ausmaß der Hirnschädigung. Darüber hinaus trägt die Mitarbeit, die Einsatzbereitschaft und der Wille des Patienten einen wesentlichen Anteil an der Verbesserung seiner Situation bei.

Vorbeugung

Möglichkeiten zur Prävention einer Allästhesie existieren nur bedingt. Schlaganfällen, die mitunter Allästhesien hervorrufen, kann zu einem gewissen Teil durch einen gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung vorgebeugt werden. Grundsätzlich ist bei den ersten Symptomen einer Allästhesie ein Arzt aufzusuchen, um eine adäquate Therapie einzuleiten.

Bücher über Allästhesie

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Niethard, F., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2014
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Siegenthaler, W. (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose Innere Krankheiten – vom Symptom zur Diagnose. Thieme, Stuttgart 2005
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Bewermeyer, H.: Neurologische Differenzialdiagnostik, Schattauer Verlag, 2011
  • Dilling, H. & Freyberger, H.J.: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, Huber Verlag, 6. Auflage 2012

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