Morbus Bechterew: Frühzeitig erkennen und behandeln


Medizinische Qualitätssicherung am 30. Oktober 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Etwa 350.000 Menschen in Deutschland leiden an der rheumatischen Krankheit Morbus Bechterew. Die Erkrankung wird bei vielen Betroffenen leider erst sehr spät erkannt. Notwendige Therapien beginnen nicht rechtzeitig und Patienten fühlen sich oft mit der Diagnose allein gelassen. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) setzt sich für eine bessere Aufklärung ein und bietet umfangreiche Hilfestellung für Betroffene. Dazu zählen unter anderem Beratung zu Krankheit und Therapiemöglichkeiten sowie Selbsthilfe.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Morbus Bechterew?

Eine Entzündung der Iliosakralgelenke (Sakroiliitis) ist ein Schlüsselsymptom der Bechterewschen Krankheit (Morbus Bechterew).

Es handelt sich um eine versteifende Wirbelsäulenentzündung oder auch „ankylosierende Spondylitis“. Sie gehört zu den häufigsten rheumatischen Erkrankungen. Umso schlimmer ist es, dass sie häufig nicht rechtzeitig erkannt wird. Dabei können Entzündungen der Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen zu einer Verknöcherung führen. Im Endstadium kann das in einer vollständigen Versteifung der Wirbelsäule enden. Die Krankheit verläuft schubweise und sorgt für teils starke Rückenschmerzen, häufig im unteren Teil der Wirbelsäule. Die Ursache dabei ist grundsätzlich eine Funktionsstörung des Immunsystems.

Die Krankheit frühzeitig erkennen

Erste Anzeichen und Symptome können bereits in jungen Jahren auftreten. Deshalb gilt es, so früh wie möglich etwaige Anzeichen auszumachen:

  • mehr als drei Monate tiefsitzende Rückenschmerzen, vor allem in den Morgenstunden
  • Ausstrahlen der Schmerzen in Beine und Gesäß
  • Verschlimmerung der Schmerzen in Ruhe
  • Morgensteifigkeit
  • Müdigkeit

Einen ausführlichen Diagnosetest bietet die Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew (SVMB). Hier kann man anhand einer umfangreichen Checkliste online herausfinden, ob möglicherweise ein Verdacht auf die Krankheit besteht. Daneben findet man online auf der Seite der Rheumatologie der Charité Berlin ebenfalls einen umfangreichen Selbsttest zur Abklärung chronischer Rückenschmerzen.

Fehlende Unterstützung für Morbus-Bechterew-Patienten

Kathrin Reinsch litt vor 25 Jahren zum ersten Mal unter Rückenschmerzen. Bis zur Diagnose Morbus Bechterew vergingen Jahre, in denen sie nicht angemessen therapiert wurde. „Diesen Leidensweg will ich anderen Frauen ersparen,“ erzählt die heute 49-Jährige.

Reinsch ist Mitglied im Führungsteam des Frauennetzwerks der DVMB und macht sich für andere Patientinnen stark. Aus Erfahrung weiß sie, dass Betroffene häufig nicht genug Unterstützung bekommen: „Es gibt bis heute Ärzte und auch Mitarbeiter von Krankenkassen, die über Morbus Bechterew nicht Bescheid wissen.“ Deshalb wird die notwendige Krankengymnastik nicht verschrieben oder die Kasse übernimmt die Kosten für neue Medikamente nicht.

Unterschiede im Krankheitsverlauf

Morbus Bechterew verläuft bei Männern und Frauen nicht immer gleich. Das beginnt bereits bei der Diagnose. Vom ersten Auftreten der ersten Symptome bis hin zur eigentlichen Diagnosestellung vergehen bei Männern im Schnitt 5 bis 7 Jahre. Bei Frauen sind es in der Regel sogar 2 Jahre mehr.

Aber auch beim eigentlichen Verlauf der Krankheit gibt es geschlechterspezifische Unterschiede. Frauen bleiben zwar häufig länger beweglich, jedoch wird die Halswirbelsäule bei ihnen früher und häufiger von einer Entzündung befallen. Zudem leiden Frauen häufiger an weiteren Entzündungen an den Gelenken außerhalb der Wirbelsäule, Entzündungen der Sehnenansätze und Entzündungen der Schleimbeutel. Das gleichzeitige Auftreten von chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten wird ebenfalls öfter als bei Männern beobachtet.

Konsequente Therapie erforderlich

Vor allem die konsequente Behandlung ist bei Morbus Bechterew wichtig, um bleibende Schäden an der Wirbelsäule und dauerhafte Bewegungseinschränkungen zu vermeiden. Morbus Bechterew ist eine chronisch-rheumatische Erkrankung, die Entzündungen an der Wirbelsäule hervorruft und mit starken Schmerzen einhergeht. Neben gezielter und regelmäßiger Bewegungstherapie verschreiben Rheumatologen Antirheumatika gegen Entzündungen und Schmerzen. Helfen diese nicht mehr ausreichend, können Biologika zum Einsatz kommen. Heilbar ist die Krankheit jedoch nicht.

Die optimale Behandlung

Fachärzte und Physiotherapeuten sollten hier in jedem Fall eng mit den Patienten zusammenarbeiten. Je nach der Intensität der Schmerzen, Aktivität der Krankheit und auch dem Fortschritt der Erkrankung entwickelt der verantwortliche Rheumatologe einen speziell zugeschnittenen Behandlungsplan. Im Idealfall enthält dieser Krankengymnastik, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule und anderer Gelenke zu erhalten und der Versteifung entgegenzuwirken. Dazu kommen Schmerztherapie und physikalische Therapiemethoden.

Zu einer optimalen Behandlungssituation tragen jedoch auch die Patienten einen großen Teil bei. Werden etwa die vorgeschriebenen Gymnastikübungen regelmäßig durchgeführt kann einer Verschlimmerung der Symptome entgegengewirkt werden. Auch ein gesunder Lebensstil und die Psyche spielen eine Rolle, denn eine positive Einstellung zum Leben trägt deutlich zum Erfolg der Therapie bei.

Patienten sollten sich, was die Krankheit angeht, immer auf einem aktuellen Wissenstand halten.

Wertvoller Austausch mit anderen Betroffenen

Die Therapiemöglichkeiten bei Morbus Bechterew basieren auf konventionellen, operativen und medizintechnisch gestützten Behandlungsmaßnahmen. Krankengymnastische Übungen, Anwendungen mit Wärme oder Kälte sowie eine Schmerztherapie und psychologische Betreuung können helfen, die Krankheit zu lindern.

Bei der DVMB landen täglich zahllose Anfragen von Patienten zu Rheumatologen, Medikamenten und Funktionstrainings bei Morbus Bechterew. Auch Selbsthilfegruppen werden nachgefragt. Der Grund: Ärzte können sich nur selten die Zeit nehmen, die Erkrankung verständlich und ausführlich zu erklären, und können sich nur schwer in die Betroffenen hineinversetzen.

Kathrin Reinsch sieht deshalb viele Vorteile im Austausch mit anderen Patienten: „Es kann sehr erleichternd sein, festzustellen, dass man nicht alleine mit seiner Erkrankung ist, andere ähnliche Probleme haben.“ Durch die Gespräche entwickle sich außerdem eine gewisse Kompetenz. „Ich weiß inzwischen sehr viel über mich und meinen Morbus Bechterew“, erzählt die ehrenamtliche Frauennetzwerk-Mitarbeiterin. „Das gebe ich auch in der Beratung weiter.“

Innerhalb der DVMB bildet sie andere Mitglieder zu Referenten aus. In diesem „Patient Partner“-Programm, das ursprünglich in den USA entwickelt wurde, werden Patienten zu Morbus-Bechterew-Experten und halten Informationsvorträge vor Ärzten, Medizinstudenten, Physiotherapeuten und anderen Betroffenen.

Das Wissen über Morbus Bechterew soll eine rechtzeitige Diagnose erleichtern, denn: „Es ist sehr wichtig für den Verlauf, dass die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird“, betont Kathrin Reinsch.

Der Austausch untereinander ist auch für die jüngeren Patienten wichtig. Meistens beginnt die Erkrkankung im Alter zwischen 15 und 35 Jahre. Sie leiden oft sehr lange unter starken Rückenschmerzen und scheinbaren Muskelverspannungen ohne es in irgendeiner Weise mit Morbus Bechterew in Verbindung zu bringen. Wenn die Diagnose dann steht, können sich Patienten an das „Netzwerk junge Bechterewer“ wenden. Hier werden alle möglichen Hilfestellungen geboten:

  • Stärkung des Selbsthilfegedankens
  • generationsübergreifende Zusammenarbeit
  • Stärkung des Gemeinschaftsgefühls
  • Hilfestellungen im Alltag
  • Veranstaltungen
  • Kontakt zu Selbsthilfegruppen und anderen Organisationen

Außerdem gibt es weitere Hilfestellungen in Form eines Forums. Hier finden Jungerkrankte Tipps, Ratschläge und vor allem Gemeinschaft. Auch die älteren Patienten ab 40 Jahre werden hier fündig.

Quellen

  • Heisel, J.: Physikalische Medizin - Praxiswissen Halte- und Bewegungsorgane, Georg Thieme Verlag, 1.Auflage, 2005
  • Wülker N. Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme Verlag. 2. Auflage 2010.
  • Mayer, C. et Siems, W.: 100 Krankheitsbilder in der Physiotherapie, Springer Medizin Verlag, 1.Auflage, 2011
  • Imhoff, A.B. et al.: Checkliste Orthopädie, Georg Thieme Verlag, 3. Auflage, 2014

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