Zwanghaftes Essen

Medizinische Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für Innere Medizin) am 26. April 2017
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Zwanghaftes Essen kann je nach Schwere und Ausmaß des Symptoms eine Essstörung sein. Bei diesem Symptom handelt es sich um ein komplexes Problem, das zahlreiche verschiedene Ursachen haben kann. Es muss allerdings eine klare Abgrenzung zum harmlosen Überessen an Festtagen oder beim restaurantbesuch unterschieden werden. Nur so kann die Ursache erforscht und eine Diagnose gestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist zwanghaftes Essen?

Zwanghaftes Essen ähnelt in vielen Fällen einem suchtähnlichen Verhalten. Die betroffenen Personen essen übermäßig viel und nehmen auch dann noch Nahrungsmittel zu sich, wenn sie schon völlig übersättigt sind. Das Verhalten der betroffenen Person ist dann häufig unvernünftig: Dem Drang, noch mehr zu essen, kann nicht widerstanden werden. Meistens geht die Entscheidungsfähigkeit beim Essen verloren. Das zwanghafte Essen kann jedoch nicht nur als bloßes Überessen auftreten: In vielen Fällen ist das zwanghafte Essen auch Teil der Bulimie. Hier wird das Essen im Anschluss mutwillig wieder erbrochen.

Zu unterscheiden ist das zwanghafte Essen von klassischen Heißhungerattacken, die bei jeder gesunden Person hin und wieder vorkommen können. Zwanghaftes Essen tritt in der Regel über einen längeren Zeitraum auf und geht bei nicht-bulimischen Szenarien häufig mit Übergewicht einher, was die Problematik für die betroffenen Personen noch schwieriger macht. Die meisten Menschen, die unter zwanghaftem Essen leiden, schämen sich.

Ursachen

Ebenso komplex wie das Symptom selbst sind die möglichen Ursachen. Häufig stehen die suchtartigen Heißhungerattacken mit Depressionen in Verbindung: Viele Menschen, die unter zwanghaftem Essen leiden, sind oder waren depressiv. Neben solchen psychischen Erkrankungen kann das gestörte Essverhalten auch durch Missbrauch ausgelöst werden. Auch nach besonders strikten Diäten tritt dieses Phänomen oft auf. Grundsätzlich kann es sich bei den Ursachen um emotionale Probleme handeln, was in den meisten Fällen vorliegt. Die betroffene Person sucht dann meistens Flucht im Essen – wer mit Emotionen zum Beispiel nicht umgehen kann, verarbeiten aufstauende Gefühle in Essattacken. Dabei werden durch das übermäßige Essen Spannungen abgebaut.

Soziale Faktoren spielen bei der Ursachenforschung ebenfalls eine Rolle. Wer als Kind aufgrund eines etwas erhöhten Gewichts gemobbt wurde, neigt später eher zu zwanghaftem Essen. Zu den sozialen Faktoren zählt allerdings auch das verbreitete Schönheitsideal: Da in Werbungen wie auch in den Medien vorrangig schlanke, hübsche Frauen präsent sind, leidet das Selbstbewusstsein vieler Menschen darunter. In den meisten Fällen handelt es sich bei dem zwanghaften Essverhalten daher um junge Frauen, die betroffen sind.

Krankheiten

Wann zum Arzt?

Bei zwanghaftem Essen sollte auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden. Es ist in der Regel nicht möglich und auch nicht ratsam, dieses Symptom zu Hause zu behandeln. Das zwanghafte Essen führt in den meisten Fällen zu einem relativ starken Übergewicht, was einen extrem ungesunden Zustand für den menschlichen Körper darstellt. Daher muss ein Arzt, in der Regel ein Psychologe, diese Störung behandeln.

Oft werden Patienten auch in eine geschlossene Anstalt eingewiesen, falls sie sich selbst Schaden zufügen können oder vom Essen stark abhängig sind. Die Behandlung selbst erfolgt in erster Linie durch einen Psychologen, der die Ursachen und Gründe für die zwanghafte Ernährung auffindet. Darüber hinaus muss sich der Betroffene auch sportlich betätigen, um einen gesunden Körper zu erhalten und damit dem Zwang nach Essen entgegenzuwirken. Oft dauert die Behandlung mehrere Monate und führt nicht in jedem Fall zu einem Erfolg.

Falls keine Behandlung angetreten wird, können durch das verursachte Übergewicht schwere Probleme auftreten. Treten Symptome wie Herzrasen oder Herzstolpern auf, sollte unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden. Ebenso wenn eine extreme Müdigkeit, Unwohlsein und Abgeschlagenheit in Verbindung mit zwanghaftem Essen auftreten, ist ein Arztbesuch unerlässlich.

Diagnose und Verlauf

Die Diagnose gestaltet sich bei zwanghaftem Essen als besonders schwierig. Um als die Esstörung Binge Eating Disorder klassifiziert zu werden, müssen die Heißhungerattacken an mindestens zwei Tagen pro Woche über sechs Monate hinweg auftreten. Außerdem muss das zwanghafte Essen weiteren Kriterien standhalten. Das Essen soll für diese Diagnose zum Beispiel schnell und ohne Hungerfühl geschehen, ein unangenehmes Gefühl soll dabei einsetzen und die Heißhungerattacken sollen eine Belastung für die Person darstellen. Auch Scham, Ekel oder Depressionen nach dem Essanfall gehören zu den Kriterien. Mindestens drei dieser Faktoren müssen zutreffen. Erst dann kann die Esssucht diagnostiziert werden.

Wird die Krankheit nicht frühzeitig erkannt, können die Essanfälle mit der Zeit immer intensiver und häufiger auftreten. Dies führt über kurz oder lang zu einer Gewichtszunahme, denn im Gegensatz zur Bulimie werden bei dem zwanghaften, übermäßigen Essen in der Regel keine Versuche unternommen, die Gewichtszunahme – zum Beispiel durch Erbrechen – zu verhindern. Als Folge des steigenden Gewichts nimmt die Scham der betroffenen Person zu und das gestörte Selbstbild intensiviert sich, wodurch das zwanghafte Essen wiederum verstärkt wird. Ohne Diagnose und Behandlung entsteht damit ein belastender Teufelskreis.

Behandlung und Therapie

Die Behandlung richtet sich nach der vorliegenden Ursache. Grundsätzlich ist es wichtig, einen Arzt zu kontaktieren, wenn die Symptome festgestellt werden. Aus eigener Kraft schaffen es die betroffenen Personen meistens nicht, wieder zu einem gesunden Verhältnis dem Essen gegenüber zurückzufinden. Um das zwanghafte Essen therapieren zu können, müssen also Auslöser erkannt werden. Da es sich dabei in der Regel um emotionale und psychische Probleme handelt, ist es ratsam, dem Problem mit einer Psychotherapie entgegenzuwirken. Hier können die Auslöser, die häufig verdrängt werden, aufgearbeitet werden: Missbrauch oder Mobbing der Kindheit, Selbstzweifel oder Depressionen werden hier besprochen und geklärt.

Langfristig lernt die betroffene Person so, mit den eigenen Emotionen umzugehen und die eigenen Gefühle zu managen. Gesunde Ventile für unangenehme Situationen werden gefunden. Häufig wird der betroffenen Person empfohlen, bei Stress oder Wut Sport zu treiben, anstatt Flucht im Essen zu suchen. Auch das normale Hungergefühl und die normale Sättigung werden in den Sitzungen besprochen.

Auf lange Sicht muss die betroffene Person lernen, wieder normal zu essen. Der medizinische Ansprechpartner kann hierzu einen Ernährungsplan erstellen, der gesunde Mengen an ausgewogenen Lebensmitteln beinhaltet. Auch ein Sportprogramm kann auf die individuelle Person zugeschnitten und konzipiert werden. Dadurch wird auch dem häufig vorkommenden Übergewicht entgegengewirkt. Anders als bei anderen Suchtmitteln wie Alkohol oder Drogen ist es bei einem zwanghaften Essverhalten nicht möglich, das Suchtmittel konsequent zu vermeiden, was die Therapie schwierig macht.



Vorbeugung

Leider kann dem zwanghaften Essen kaum vorgebeugt werden. Nur durch reine Willenskraft schaffen es die wenigsten betroffenen Personen, sich von dem Symptom zu befreien und eine normale Ernährung zu verfolgen. Wichtig ist es vor allem, bei Erkennung der Symptome und Verhaltensmustern einen professionellen Rat einzuholen – dies gilt auch für Angehörige, die Veränderungen an der jeweiligen Person bemerken. So kann das Symptom frühzeitig behandelt werden. Zudem können Eltern schon früh das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken, um späteren Essstörungen entgegenzuwirken. Hier ist es besonders wichtig, ein gesundes Selbstbild zu schaffen. Auch der richtige Umgang mit Lebensmitteln kann schon in jungen Jahren beigebracht werden.

Bücher über Essstörungen

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2011
  • Payk, T.R.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart
  • Siegenthaler, W. (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose Innere Krankheiten – vom Symptom zur Diagnose. Thieme, Stuttgart 2005
  • Koop, I.: Gastroenterologie compact. Thieme, Stuttgart 2013
  • Siewert, J., Rothmund, M., Schumpelick, V.: Praxis der Viszeralchirurgie: Gastroenterologische Chirurgie. Springer, Berlin 2011

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