Motorisches Lernen

Medizinische Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für Innere Medizin) am 9. November 2014
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Motorisches Lernen ist die Aneignung von Bewegungsabläufen und Fertigkeiten, deren Hauptinhalt die motorische Leistung ist. Um sportliche Tätigkeiten jeglicher Art (unabhängig von der dominierenden Zielstellung und der Betriebsweise) ausführen zu können, müssen auch immer sportmotorische Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgebildet werden. Das gilt sowohl für Sportler, die hohe sportliche Leistungen anstreben, als auch für Sporttreibende, die sich in ihrer Freizeit sportlich betätigen möchten. Insofern ist die Ausbildung sportmotorsicher Fähigkeiten und Fertigkeiten Grundlage, um überhaupt eine Sportart betreiben zu können.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung von Lernen allgemein

Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Es kann als Grundvorgang im Leben des Menschen und in der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit angesehen werden. So versteht man unter Lernen den Neuerwerb und die Vervollkommnung zweckmäßiger Verhaltensweisen durch aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt.

Was ist Motorisches Lernen (Definition)?

Motorisches Lernen ist die Aneignung von Verhaltensweisen und –formen, insbesondere von Handlungen und Fertigkeiten, deren Hauptinhalt die motorische Leistung ist. Dabei wird die Aneignung unterteilt in Entwicklung, Anpassung und Vervollkommnung. Hier ist wieder der Prozesscharakter erkennbar. Motorische Fertigkeiten lassen sich nicht von heute auf morgen erlernen.

Unabhängig von individuellen Unterschieden muss jeder Mensch, der motorische Aufgabenstellungen bewältigen möchte, einen Lernprozess durchleben, in dem motorische Fertigkeiten ausgeprägt werden. Die Bewältigung dieser Aufgabenstellung ist dabei das Ziel des Lernprozesses.

Voraussetzungen

Wesentliche Voraussetzungen bzw. Mittel zum Erreichen des motorischen Lernziels sind in erster Linie das zur erfolgreichen Bewältigung bzw. Ausführung der Bewegung erforderliche Wissen und geistige Fähigkeiten. Das heißt, dass man z.B. vor dem Erlernen einer neuen Bewegung zunächst ein konkretes Abbild dieser Bewegung, eine genaue Vorstellung vom Bewegungsablauf haben sollte – Wie sieht die Bewegung in ihrer Gesamtheit aus?, Wie viele Teilebewegungen gibt es?, Wie ist die Körperhaltung?, Von wo hole ich Schwung?, etc.

Phasen

Hinsichtlich des Lernverlaufs bei der Aneignung motorischer Fertigkeiten unterscheidet man im Allgemeinen drei Lernphasen – die Entwicklung der Grobkoordination, die der Feinkoordination und die Entwicklung der Stabilisierung der Feinkoordination und Ausprägung der variablen Verfügbarkeit. Als (in der Literatur auftretende) vierte Phase setzt vor der Entwicklung der Grobkoordination zunächst die Vorbereitungsphase ein. Der Lernweg zwischen den genannten Phasen verläuft nicht gradlinig. Vielmehr ist er durch ein Auf und Ab und durch ganz charakteristische Einzelphasen gekennzeichnet. Ob für Vereins- oder Berufstrainer, für SportlehrerInnen oder auch Übungsleiter im Rheabereich ist die Kenntnis dieser Phasen wichtig für das methodische Vorgehen hinsichtlich des Techniktrainings.

Die Länge und Intensität der einzelnen Phasen ist allerdings abhängig:

  • vom Charakter (Fertigkeitstyp) und dem Schwierigkeitsgrad der zu erlernenden Übung,
  • von den zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten zur Gestaltung des Lernprozesses,
  • vom Vorbereitungsstand der lernenden Sportler,
  • vom pädagogischen und methodisch-didaktischen "Geschick" des Lehrenden.


Vorbereitungsphase

Die Vorbereitungsphase soll genutzt werden, um grundlegende Lernvoraussetzungen zu schaffen. Zum einen müssen die Lernenden ein bestimmtes Niveau konditioneller und koordinativer Fähigkeiten erreichen und möglichst viele Bewegungserfahrungen sammeln. Zum anderen ist es die Aufgabe des Lehrenden die Lernenden ausreichend zu motivieren. Nur so kann ein erfolgreicher Lernprozess garantiert werden.

Aneignungsphase

Die Aneignungsphase beginnt zunächst mit der geistigen Aneignung und Verarbeitung der zu erlernenden motorischen Fertigkeit (sportliche Technik). Durch das Vormachen und kurzer, prägnanter Erklärungen durch den Lehrenden kommt der Lernende in Besitz einer genauen Bewegungsvorstellung dieser Fertigkeit. Als nächster Schritt in der Aneignungsphase schließt intensives Üben unter erleichterten Bedingungen an. Ziel ist das Erwerben der Kernbewegungen bzw. der Grobkoordination. Durch das Korrigieren der Hauptfehler, aufmerksamer Kontrolle und der Sicherung von Erfolgserlebnissen stellen sich schnell erste Lernerfolge in dieser Phase ein. Daher der steile Anstieg der Kurve.

Vervollkommnungs- und Perfektionierungsphase

In der folgenden Vervollkommnungs- und Perfektionierungsphase soll die sportliche Technik durch wiederholendes Üben unter Standardbedingungen (weder erleichterte, noch erschwerte Bedingungen) weiter gefestigt werden. Häufig führt das so genannte "Überlernen" jedoch zu Rückschlägen und Stagnationen im Lernverlauf. Daher muss das intensive Üben durch eine hohe Lernaktivität, ein Höchstmaß an Motivation sowie bewusste Mitarbeit gekennzeichnet sein. Des Weiteren lässt sich der Lernerfolg durch verstärkten Spracheinsatz erhöhen. Insofern trägt die Beschreibung der Technik durch den Lehrenden zur weiteren Präzisierung der Bewegungsvorstellung bei. Außerdem hilft die Erweiterung der Rückinformationen, Stagnationen zu überwinden. Ein weiteres Merkmal dieser Phase ist das Einsetzen erster Formen des variierten Übens und des Anwendens des Erlernten.

Höchste Stufe des Lernprozesses

In der letzten Phase oder auch höchsten Stufe des Lernprozesses geht es um die Automatisierung und Stabilisierung des Erlernten. So soll die sportliche Technik variabel verfügbar sowie komplex anwendbar sein. Dieser Zustand kann durch ganzheitliches Üben und Aufgabenlösen sowie das Anwenden in zunehmend komplexeren Situationen erreicht werden. Das heißt, dass der Lernende nun unter erschwerten und wettkampfnahen Bedingungen übt. Bewährte Mittel in dieser Phase des Lernprozesses sind z.B. das bewusste „Einschalten“ von Störgrößen (Variieren des Lärmpegels, der Bodenverhältnisse, der Hallenbeleuchtung, etc.) oder das Schaffen von Handicaps (Formulierung einer Verletzung, Messen ungleichstarker „Gegner“, etc.)

Hinsichtlich der kognitiv ablaufenden Prozesse kann man zusammenfassend sagen, dass es von Lernphase zu Lernphase zu einer Erweiterung und Präzisierung der Informationsaufnahme und –verarbeitung, zur Anreicherung des Bewegungsgedächtnisses und Präzisierung der Bewegungssteuerung, sowie zur Differenzierung und Präzisierung der Bewegungsvorstellung kommt. Außerdem erlangt der Sportler die Fähigkeit, sich durch rechtzeitige Signalisierung und Antizipation von veränderten Bedingungen, Störeinflüssen etc an Situationen anzupassen. Motorische oder auch, bezogen auf Sport, sportmotorische Fertigkeiten sind zentrale Komponenten des motorischen Könnens, welches das Ziel des motorischen Lernens ist.

Sportmotorische Fertigkeiten

Motorische Fertigkeiten oder auch Bewegungsfertigkeiten sind spezifische, relativ gefestigte Leistungsvoraussetzungen zur motorischen Realisierung einer Handlung oder Teilhandlung ohne bewusste Steuerung und Regelung, d.h. scheinbar automatisch. Sie müssen in der Regel in einem längeren Lern- bzw. Übungsprozess erworben werden.

Da jede sportliche Handlung durch bestimmte Anforderungen an den Ausführenden gekennzeichnet ist, unterscheidet man diese verschiedenen Typen von Aufgaben und Fertigkeiten. Wie die Tabelle zeigt, werden häufig „geschlossene“ und „offene“ Fertigkeiten unterschieden. Zur Gruppe der "geschlossenen" Fertigkeitstypen gehören Sportarten bzw. Disziplinen mit nur einer oder einigen wenigen sportlichen Techniken, wie z.B. Schwimmen, Kugelstoßen oder auch Radsport. Die Ausführung dieser Techniken läuft unter relativ ungestörten bzw. standardisierten Bedingungen ab.

Weiterhin gibt es Sportarten, die sich weder zu den „geschlossenen“ noch zu den „offenen“ Fertigkeitstypen zählen lassen und eine Art Zwischengruppe darstellen. Neben einer Vielzahl zu erlernender Techniken, welche Grundlage der Bewertung sind, laufen auch diese Sportarten unter standardisierten Bedingungen ab. Beispielsweise gehören Eiskunstlauf und Gerätturnen zu dieser Gruppe.

Sportspiele und Kampfsportarten sind Beispiele für „offene" Fertigkeitstypen. Dabei werden die sportlichen Techniken dieser Sportarten in verschiedenen Variationen benötigt. Durch unmittelbare oder mittelbare Gegnereinwirkungen ändert sich die Situation während des Spiel- oder Kampfverlaufs ständig. Der Sportler muss also in der Lage sein, situativ so zu reagieren, dass seine Handlung möglichst zum Erfolg führt.

Die Art und Weise sowie die Ziele und Inhalte des Techniktrainings hängen also vom Charakter der zu erlernenden Technik und vom Fertigkeitstyp ab.

Vermittlung sportmotorischer Fertigkeiten

Bei der Vermittlung bzw. Aneignung von sportmotorischen Fertigkeiten gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die wohl bekannteste und am häufigsten verwendete Vermittlungsmethode von sportmotorischen Fertigkeiten ist die „Methodische Übungsreihe“. Andere Methoden, wie z.B. „Das Lehren nach Funktionsphasen“, finden sicherlich auch Anwendung, weisen jedoch nicht selten Ähnlichkeiten zur erstgenannten Methode auf. Die methodische Übungsreihe (MÜR) wird in fast allen Sportarten angewendet, wie z.B. in der Leichtathletik, beim Gerätturnen, Schwimmen oder den Sportspielen.

Die „Methodische Übungsreihe“ ist, wie folgt, durch wesentliche Prinzipien gekennzeichnet:

Prinzip der verminderten Lehrhilfe

Die zu erlernende sportmotorische Fertigkeit von Beginn an ganzheitlich geübt, zuerst unter einfachen, dann immer schwierigeren, komplexeren Situationsbedingungen. Mit Lehr- oder Lernhilfen lassen sich etwaige Defizite im adaptiven Bereich kompensieren. Beispiel: „Nackenkippe“!

Prinzip der Aufgliederung in funktionelle Teileinheiten

Bei der Aufgliederung in funktionelle Teileinheiten gibt es verschiedene Varianten.Zum einen kann der Übende erst alle Bewegungsabschnitte einzeln erlernen und fasst diese am Ende zur Gesamtfertigkeit zusammen. Zum anderen wird erst das erste Element gelernt, dann das zweite. Danach werden diese zwei Einzelelemente miteinander verknüpft. Werden die ersten zwei Elemente und deren Verknüpfung beherrscht, wird das dritte Element gelernt. Dann erfolgt die Verknüpfung der ersten Elemente mit dem dritten. Bei einer dritten Variante wird erst Teil1 gelernt. Nach Beherrschung dessen erfolgt sofort die weitere Festigung sowie Aneignung von T1 und T2. (Später: T1+T2+T3 usw.)

Prinzip der graduellen Annäherung

Bei dieser Form des Technikerwerbs werden zu Beginn einfache Fertigkeiten geübt, die der zu erlernenden Gesamtbewegung ähnlich sind. Erst im weiteren Verlauf nutzt man nach und nach erschwerte Belastungs- bzw. Strukturveränderungen, um das gewünschte Lernziel anzusteuern, z.B. „Sprungrolle ohne Gebrauch der Arme“.

Neben der Methodischen Übungsreihe gibt es, wie gesagt, weitere Lehrverfahren. Das Lehren nach Funktionsphasen ist gekennzeichnet durch das Prinzip der Aufgliederung der Gesamtbewegung in einzelne Teileinheiten. Dabei unterscheidet man Hauptfunktions- und Hilfsfunktionsphasen, die die Grundlage für eine lernrelevante Gliederung der Gesamtbewegung bilden.

Sie sind nicht in einer bestimmten Reihenfolge festgelegt, sondern werden nach ihrer Bedeutung für die Lösung der Gesamtaufgabe (z.B. „ Handball- Sprungwurf“) geübt.

Ein weiteres Lehrverfahren ist das Inner-Training. Wesentliches Merkmal dieser Form ist das Prinzip des kindlichen Lernens. Der Lernende soll seine Bewegungsausführungen genau beobachten, erfühlen und erleben, ohne zuviel Belehrungen und Kritik von außen zu erhalten. Insofern verläuft der Lernprozess viel entspannter, natürlicher und schneller.

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