Affektive Störungen

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 24. Mai 2017
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Als affektive Störung bezeichnet man diverse psychische Erkrankungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg zu Veränderungen der Gemütslage führen. Es handelt sich also um einen Sammelbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Typisch für affektive Störungen sind im Vergleich zum (medizinisch nicht exakt festsetzbaren) Normalbereich abweichende Stimmungsbilder, die zu starker Antriebslosigkeit, depressiver Verstimmung oder ausgeprägtem Antrieb bis hin zu extremer Euphorie reichen.

Inhaltsverzeichnis

Was sind affektive Störungen?

Affektive Störungen, die in der medizinischen Literatur häufig auch als Affektstörungen bezeichnet werden, sind diverse psychische Erkrankungen, die durch klinisch relevante Veränderungen des Gemüts gekennzeichnet werden. Die einzelnen Gemütslagen (in der Fachsprache: Affekte) können dabei in zwei verschiedenen Extrema auftreten. Typisch sind starke Antriebslosigkeit oder Depressionen bzw. depressive Verstimmungen auf der einen und starke Steigerungen in Form von Euphorie bzw. Manie auf der anderen Seite. Allen affektiven Störungen gemein ist, dass sie nicht nur vorübergehend sind. Es handelt sich damit um einen krankhaften Zustand, der unbehandelt stetig fortdauert.

In der humanmedizinischen Wissenschaft und Lehre werden verschiedene Unterteilungen vertreten. Von besonderer Bedeutung ist die weltweit anerkannte Einteilung gemäß des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). Demnach existieren fünf Ausprägungen. Es wird zwischen Manie, Depression, bipolarer Störung, anhaltenden affektiven und rezidivierenden depressiven Störungen unterschieden. In Abgrenzung zu bipolaren Störungen, die durch das wechselseitige Auftreten von Depressionen und Manien gekennzeichnet sind, werden affektive Anomalitäten, die lediglich eine Stoßrichtung kennen, als unipolar bezeichnet. So treten vor allem Depressionen häufig in unipolarer Form auf.

Ursachen

  Affektive Störungen können verschiedene Ursachen haben. Die jeweils einschlägige Hauptquelle der Erkrankung ist dabei je nach konkret auftretender Störung unterschiedlich. Generell in Betracht kommen genetische Prädispositionen, Stress, hormonelle Störungen, soziale Konflikte, arzneimittelbedingte Neben- oder Wechselwirkungen (z. B. nach einer Behandlung mit Kortison) sowie belastende Erlebnisse in der Kindheit oder andere somatische Erlebnisse bzw. Traumata. Auch ein Zusammenhang mit posttraumatischen Belastungsstörungen (kurz: PTSD) ist folglich denkbar.

Ferner konnte nachgewiesen werden, dass einige physische Erkrankungen die Prävalenz einer affektiven Störung erhöhen können. Zu diesen zählen Epilepsie, das Cushing-Syndrom sowie Parkinson. Darüber hinaus wurde in einigen Studien ein Zusammenhang zwischen bipolaren Störungen und dem sogenannten Bornavirus hergestellt. Dieses konnte bei einigen Probanden während eines Krankheitsschubs im Blut nachgewiesen werden. Ob und wenn ja, wie, das Bornavirus bipolare Störungen beeinflusst, ist noch nicht abschließend geklärt. In der Fachliteratur bleibt diese Frage weiterhin umstritten. Wenngleich keine Ursache, so kann verstärkter Substanzmissbrauch wie etwa Drogenkonsum zu einem Ausbruch der affektiven Störungen führen. Das gilt vor allem für Depressionen oder Manien, weil bestehende Prädispositionen durch die psychoaktive Aktivität der Drogen stimuliert und somit verstärkt werden.

Wann zum Arzt?

Bei affektiven Störungen sollte grundsätzlich ein Arzt konsultiert werden. Die Symptome des Störungsbildes haben einen starken Einfluss auf die Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens und müssen medizinisch versorgt werden. Halten Beschwerden wie Teilnahmslosigkeit, Schlafstörungen, Verlangsamung der Reaktionsfähigkeit oder Energielosigkeit für länger als zwei Wochen an, muss ein Arzt aufgesucht werden.

Ein Arztbesuch ist ebenfalls notwendig, wenn der Betroffene mit einem sehr exzessiven Verhalten auffällt. Kaufrausch oder ein plötzlich ausgeprägtes sexuelles Leben mit wechselnden Geschlechtspartnern geben Anlass zur Besorgnis und sollten mit einem Arzt besprochen werden. Treten auffallende Gewichtsveränderungen auf, kommt es zu einem starken Verlust des Selbstwertgefühls oder stellen sich Schuldgefühle ein, ist ein Arzt zu konsultieren. Eine wiederholte Phase der gedrückten Stimmung, die mit Müdigkeit, Entscheidungsschwierigkeiten oder andauernder Niedergeschlagenheit verbunden ist, muss ebenfalls einem Arzt vorgestellt werden, wenn sie über zwei Wochen anhält.

Bei anhaltenden physiologischen Veränderungen ist die Rücksprache mit einem Arzt empfehlenswert. Zu ihnen gehören Appetitlosigkeit, Morgentief, Weinen und Schlafstörungen. Tritt eine Einschränkung bei der Erfüllung der sozialen und beruflichen Rollenaufgabe auf, ist sie von einem Arzt zu untersuchen, sobald sie mit einem Gefühl des Leidens verbunden ist. Bei suizidalen Gedanken ist es hilfreich, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Symptome und Verlauf

Typische Symptome affektiver Störungen:

Affektive Störungen haben zahlreiche Symptome. Diese unterscheiden sich je nach vorliegender Störung. Auch ist die Intensität eines Symptoms von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls abhängig. Typisch ist, dass affektive Abweichungen phasenweise auftreten. Zu den gängigsten Symptomen einer affektiven Störung zählen Depressionen. Diese können sowohl unipolar als auch bipolar, d. h. im Wechsel mit euphorischen bzw. manischen Zuständen, auftreten.

Eine Depression oder depressive Episoden äußern sich durch ein andauerndes Gefühl von Abgeschlagenheit, verminderte Antriebskraft, Niedergeschlagenheit, Teilnahmslosigkeit und verminderte Konzentrationskraft. Häufig berichten Betroffene auch von einem Gefühl von Trauer und Unzufriedenheit, das objektiv jeglicher Grundlage entbehrt, also nicht auf einen bestimmten Anlass zurückzuführen ist.

Eine Manie, die häufig bei bipolaren Störungen auftritt, ist durch übermäßige Euphorie gekennzeichnet, die bei objektiver Betrachtung ohne Anlass erfolgt. Betroffene erfahren freudige Erregung und gesteigerte Aktivität. Typisch sind aber auch Gereiztheit und Anspannung. Zwischen den beiden Extrema Manie und Depression sind verschiedene Mischformen denkbar, die auch im Wechsel vorkommen können. Letzteres ist das zentrale Element einer bipolaren Störung.

Diagnose

Affektive Störungen werden als eine pathogen vom Normalzustand abweichende Gemütslage bezeichnet. Weil dieser Normalbereich nicht exakt bestimmt werden kann, ist die Diagnose affektiver Störungen besonders erschwert. Häufig werden erst Extremformen, wie sie erst nach längerer Behandlungslosigkeit auftreten, erkannt. Zu Beginn des Diagnoseprozesses steht auch bei affektiven Störungen die Erhebung einer umfassenden Krankengeschichte (Anamnese). Die Diagnose im engeren Sinne erfolgt allerdings erst durch ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Hierzu stehen – was für die Psychologie typisch ist - Fragebögen, Interviewleitfäden und Testverfahren zur Verfügung. Eine belastbare Diagnose kann nur von einem Psychologen, Psychologischen Psychotherapeuten oder Psychiater gestellt werden.

Komplikationen

Personen mit einer affektiven Störung besitzen zum Teil ein höheres Suizidrisiko. Die Suizidalität kann dabei von Gedanken an den Tod und Fantasien bis hin zu konkreten Plänen und Suizidversuchen reichen. Betroffene sollten diese Gedanken einer vertrauten Person, einem Arzt oder Psychologen anvertrauen. Eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen/psychotherapeutischen Klinik ist nicht immer erforderlich, kann bei starker Suizidalität (auch nach einem Suizidversuch) jedoch sinnvoll sein. Suizidalität ist bei allen affektiven Störungen eine mögliche Komplikation. Bei durchgeführten Suizidversuchen können zudem körperliche Komplikationen entstehen, die von der gewählten Methode abhängen.

Generell führen affektive Störungen häufig zu sozialen und beruflichen Komplikationen. Unter Umständen sind Patienten vorübergehend arbeitsunfähig oder können ihrem Beruf dauerhaft nicht mehr nachgehen. Dies trifft vor allem dann zu, wenn der Beruf sich ungünstig auf den psychischen Zustand des Betroffenen auswirkt. Mögliche Mechanismen sind zum Beispiel Stress, sozialer Druck im Umgang mit Kunden oder Versagensängste. Auch die Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus kann zu Schwierigkeiten in Beruf, Schule oder Ausbildung führen. Partnerschaftsprobleme sind ebenfalls häufig. Als weitere Komplikationen sind Schlafstörungen und ein ungünstiges Ernährungsverhalten möglich. Insbesondere bei depressiven Störungen können Patienten dadurch unter Mangelerscheinungen leiden. Diese verstärken eventuell die depressiven Symptome oder führen zu weiteren Beschwerden, die sich auch auf die Psyche auswirken können.

Behandlung und Therapie

Art und Umfang der Therapie hängen bei affektiven Störungen von der ausgemachten Grundform sowie den Umständen des Einzelfalls ab. Zu den Faktoren, die bei der Wahl der Therapieform von Relevanz sind, zählen insbesondere der Grad der sozialen Beeinträchtigung, das Ausmaß der Störungen sowie die Integration des Betroffenen in seine Umwelt. Es wird zwischen kurzfristigen und langfristigen Therapieformen unterschieden. Während letztere einen kontinuierlichen Prozess ausbilden, der den Patienten ein geregeltes Leben ermöglichen soll, sorgen kurzfristige Therapien für einen Ausgleich momentaner Episoden.

In der Regel ist eine ambulante Therapie ausreichend, um die Symptome der affektiven Störung in den Griff zu bekommen. Lediglich in Extremfällen ist die temporäre Unterbringung in eine psychiatrische Anstalt notwendig. Sowohl ambulante als auch stationäre Therapien setzen vorwiegend auf die Vergabe sorgfältig abgestimmter Medikamente.

Es werden sowohl Antidepressiva als auch selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und pflanzliche Produkte wie Johanniskrautextrakte verschrieben. Ergänzend kommt in diesem Zusammenhang jeweils eine Gesprächstherapie hinzu. Diese dient sowohl der Bewältigung des Alltags als auch der Ausbalancierung der angewendeten Medikamente.



Vorbeugung

Eine Vorbeugung ist nur sehr begrenzt möglich. Menschen, die an einer entsprechenden Prädisposition leiden, sollten die Einnahme psychoaktiver Drogen wie MDMA, Amphetamine oder LSD jedoch zwingend unterlassen. Darüber hinaus sind die Nebenwirkungen eingenommener Arzneimittel zu beachten.

Bücher über psychische Störungen

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Faller, H. & Lang, H.: Medizinische Psychologie und Soziologie, Springer Verlag, 2010
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Janssen, P.L.: Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Deutscher Ärzteverlag, 2006
  • Siegenthaler, W. (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose Innere Krankheiten – vom Symptom zur Diagnose. Thieme, Stuttgart 2005
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Möller, H., Laux, G., Deister, S.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Dilling, H. & Freyberger, H.J.: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, Huber Verlag, 6. Auflage 2012

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